HERREN-BUNDESLIGA: INDIENS NUMMER 1 SCHLÄGT FÜR BW AACHEN AUF
Der Name Prajnesh Gunneswaran ist in deutschen Tennislanden noch recht gewöhnungsbedürftig. International gehört die Nummer 1 von Indien mit seinen bereits 29 Jahren auch nicht zu denen, die man unbedingt kennen müsste. In der Bundesliga, die Neuland für ihn ist, sowieso nicht. Die Fans werden sich an ihn und seinen Namen also gewöhnen müssen. Der indische Davis Cup-Spieler wird in der neuen Saison für den Nachrücker Blau-Weiss Aachen an Nummer 1 aufschlagen. Thilo Fritschi aus dem Trainerteam erinnerte sich an ihn. Als er in Offenbach in der Akademie von Alexander Waske vor gut einem Jahr vorbergehend als Trainer gearbeitet hatte, fiel ihm der heute 29-Jährige auf. Positiv - um sich an ihn zu erinnern, als die Blau-Weissen, die unverhofft wieder Erstligist wurden, an ihrer Kaderzusammenstellung bastelten.
Kontakt
"Er hat seitdem eine rasante Entwicklung gemacht," blickt Thilo Fritschi auf seine ersten Erfahrungen mit dem Inder zurück, der inzwischen ein Top-100-Spieler ist (ATP 85). Der Kontakt war über Alexander Waske schnell hergestellt. "Da er keine anderen Verpflichtungen hatte, waren wir uns schnell einig", kommentiert der Blau-Weiss-Trainer die Verpflichtung des indischen Daviscup-Spielers. Sie hatten ein gutes Näschen. Beim Turnier in Indian Wells erreichte er zum Jahresauftakt gleich die dritte Runde. Zuvor hatte er künftige Bundesligagegner wie Benoit Paire (RW Köln) und Niko Basilashvili (Großhesselohe) ausgeschaltet. Endstation war erst der Kroate Ivo Karlovic. Anschließend gelang ihm beim Turnier in Miami nach zwei Siegen in der Qualifikation der Sprung ins Hauptfeld. Dann wurde er durch Jaume Munar (Spanien) knapp in zwei Sätzen (7:6,6:4) gestoppt.
Aufschwung
Auch im letzten Jahr hatte der fast ein Meter neunzig große Linkshänder auf sich aufmerksam gemacht. Im Daviscup sicherte er Indien gegen China mit seinem Erfolg im entscheidenden Match den Gesamtsieg. Die Chinesen lagen bereits mit 2:0 in Führung. In Deutschland schaffte er beim Merecedes-Cup in Stuttgart nach erfolgreicher Qualifikation den Sprung ins Hauptfeld. Den Sieg über den Kanadier Denis Shapolova - damals die Nr. 23 der Weltbesten - bezeichnete er anschließend als seinen bislang größten Erfolg. Erfolgreich war er 2018 auch bei den Asienspielen. In Einzel scheiterte er erst im Halbfinale am späteren Sieger Denis Istomin aus Usbekistan. Die Bronzemedaille war bereits seine sechste Einzelmedaille bei den Asienspielen.
Spätstarter
Als Spieler ist Prajnesh Gunneswaran erst spät ins internationale Rampenlicht gerückt. Erst seit gut fünf Jahren ist er als Profi regelmäßig auf der Tour. Mit sieben Jahren hat er mit dem Tennisspielen in seiner Heimatstadt Chennai begonnen. Die inzwischen Sechs-Millionen-Stadt liegt im Südosten von Indien am Golf von Bengalen. "Wir freuen uns auf ihn", blickt Thilo Fritschi erwartungsfroh und gespannt auf die bevorstehenden Einsätze ihres Bundesliga-Debutanten. "Er wird nicht nur sportlich eine Bereicherung sein. Mit seinem höflichen und bescheidenen Auftreten wird er sich, davon bin ich überzeugt, schnell in unser Clubleben integrieren," nennt Fritschi weitere Eigenschaften, die seine Verpflichtung unterstreichen.
Austausch
Zwei Niederlander folgen in der Meldeliste hinter der neuen Nummer 1 aus Indien. Beide kommen von BW Halle, eben jenem Verein, dem die Aachener nach deren Rückzug ihr Comeback ins Tennis-Oberhaus verdanken. Tallon Griekspoor (ATP 209) und Thiemo de Bakker (ATP 232) waren in Halle nicht die Topleute. "Deshalb waren sie für uns auch finanziell erschwinglich," nennt Aachens Sportvorstand Marc Zander einen nicht unerheblichen Grund, diese beiden Ex-Gerry-Weber-Spieler an sich zu binden. Vorausgangen waren, so Marc Zander, zahlreiche Gespräche mit Thorsten Liebich, dem Manager des abgemeldeten Gerry-Weber-Teams. "Er hat uns bestätigt und uns auch mit Aslan Karatsev noch einen weiteren seiner ehemaligen Schützlinge empfohlen," berichtet der Blau-Weiss-Mann über die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Kollegen aus Ostwestfalen.
Mischung
Mit Tallon Giekspoor konnte Aachen auf jeden Fall einen der hoffnungsvollsten Nachwuchsspieler des Nachbarlandes für sich gewinnen. Der 21-Jährige wird in den Niederlanden, so Zander, hoch gehandelt. Vor kurzem verblüffte er noch mit einem Sieg über Stan Wawrinka. Thiemo de Bakker (ATP 323) ist mit seinen 31 Jahren ein erfahrener Spieler, der alle Höhen und Tiefen des Prof-Daseins kennt. "Mit seiner Erfahrung und seinen Doppelqualitäten wird er dem Team weiterhelfen", ist sich Zander sicher. Der dritte Spieler des Ex-Bundesligisten aus Westfalen Aslan Karatsev (ATP 437) gehört trotz seiner bereits 25 Jahren noch zu den jungen Wilden. Auf den Russen wurde Zander bereits vor drei Jahren aufmerksam, als er beim Bundesligaaufeinandertreffen beider Teams (3:3) die Aachener überzeugt hatte.
Ohne Bemelmans
Neben den vier neuen Akteuren ist der Kader nahezu derselbe wie im Vorjahr. Nicht mehr dabei sind Facundo Bagnis, Dominik Bartels und Marc Merry. Er wird in den Trainerstab wechseln und nur noch für die Zweite spielen", erläutert Zander den neuen Job des 42-Jährigen, der bereits früher auf der Bank mit ausgeholfen hat. Nicht mehr auf der Meldeliste findet sich der Name Ruben Bemelmans. Den 30 Jahre alten Belgier hätte der Club vom Luxemburger Ring gerne weiter beschäftigt. "Wir kamen bei den Terminen nicht zusammen", erlautert Zander den Knackpunkt warum es nicht geklappt hat. "Er will früher mit der Hartplatzsaison beginnen", gibt Aachens Teamchef einen Einblick in die Kalenderprobleme eines Tennis-Profis. Aber sie wollen weiter in Kontakt bleiben. Wenn es im nächsten Jahr terminlich klappt, kann er gerne wieder zu uns kommen", blicken die Aachener zuversichtlich nach vorne.
Realistisch
Jetzt gilt es zunächst das neue Abenteuer 1. Bundesliga zu stemmen. "Wir wissen, dass wir gegen den Abstieg kämpfen", sind sich alle im Club einig. Der Stimmung und Vorfreude tut dies keinen Abbruch. "Wir freuen uns, dass wir wieder mit dabei sind und wenn es dann nicht reichen sollte, dann geht die Tennis-Welt am Luxemburger Ring auch nicht unter." Nicht zu vergessen: Der Club hat ja auch noch ein Team in der 1. Frauen-Bundesliga. Sie sind also wieder der einzige Club in Deutschland mit zwei Bundesliga-Mannschaften. Das Frauen-Team beginnt am 5. Mai. Die Herren schlagen zwei Monate später (7.Juli) zum ersten Mal auf. Der Appetit auf die Bundesliga hält unvermindert an. Dazu will auch das Herren-Team weiter seinen Teil beitragen. Die Verpflichtung der neuen Nummer 1, dem Inder Prajnesh Gunneswaran, wird das Interesse an der Bundesliga zusätzlich befeuern.
(Michael Thoma)