Marienburger SC überwintert in der 2. Bundesliga
Klassenerhalt in letzter Sekunde
„Sie haben uns bis zum allerletzten Ballwechsel zittern lassen und dann eiskalt zugeschlagen“, schildert Ronny Edelstein im Vereinsnewsletter emotional die entscheidenden Momente, in denen die Aufsteiger des MSC den Klassenerhalt beim letzten Saisonspiel in Hamburg perfekt machten. Es war 17.40 Uhr als die Kunde per Live-Ticker auch alle Daheimgebliebenen erreicht hatte.
Stolz, erleichtert aber auch erschöpft, freute sich Coach Dirk Hortian für sein Team aber auch für den gesamten Club. „Es war für uns ein Abenteuer mit einem ungewissen Ausgang“, erinnert der 56-jährige an den Start in die 2. Bundesliga.
MSC-Urgestein Christian Hansen. Foto: Ronny Edelstein
Sprung ins kalte Wasser
Sozusagen als „doppelter“ Nachrücker nahmen sie die Chance wahr und wurden belohnt. Dirk Hortian: "Der ganze Club, der Vorstand, die Zuschauer - alle haben bei den Heimspielen mitgeholfen, damit dieses Abenteuer so erfolgreich zu Ende gehen konnte.“ Vor dem ersten Auftritt hatte das Team die Unterstützung des Tennis-Vorstandes, Dr. Thomas Meyer: „Wir werfen den Hut in den Ring und warten dann einfach mal ab.“ Sie freuten sich alle – realistisch - auf ihre Zweitligapremiere. Es war nicht davon auszugehen, dass die Entscheidung erst ganz zum Schluss fallen würde. “Wir sind klarer Außenseiter“, ordnete der Coach nüchtern und realistisch die Chancen seiner Jungs vor der Saison ein.
Abstiegskampf
Was viele erwarteten, bewahrheitete sich schließlich in der vorentscheidenden Phase. Kurz vor Schluss sah es nämlich überhaupt nicht nach einem guten Ende aus. Am finalen Wochenende hatte der Spielplan noch zwei Auswärtsspiele für den MSC vorgeschrieben. Die Unterstützung der eigenen Fans, die sie bei ihren Heimauftritten auf der Anlage im Forstbotanischen Garten gewohnt waren, würden sie vermissen. Das Abstiegsszenario in der Ferne rückte näher. Nach der 3:6 Niederlage am Freitag bei BW Krefeld zeigten aber auch die anderen Mitstreiter um den Klassenerhalt, Nikolassee, Oldenburg und Alster Hamburg, Nerven. Noch war nichts verloren. Beim Endspiel im hohen Norden bei Alster Hambur musste ein letzter Sieg her. Alles war angerichtet. Dirk Hortian konnte sein bestes Team aufbieten. Zuversichtlich erreichte die MSC-Reisetruppe mit dem Zug bereits am Samstag den Hamburger Hauptbahnhof,. Die Stimmung war gut. Die ersten Selfies versprühten Optimismus: „Wir sind gut drauf.“
Geschafft
"Gut drauf" waren sie auch noch einen Tag später auf der roten Asche. 4:2 führten die Kölner Gäste nach den Einzeln. Den Grundstein für den möglichen Gesamtsieg legten in der ersten Einzelrunde der Argentinier Tomas Farjat und Lorenzo Bocchi aus Italien. Die beiden Siege von Gadamauri und Sperle stießen anschließend das Tor zum Klassenerhalt ganz weit auf. Aber es fehlte eben noch ein Punkt. Und den verwandelten die beiden auffälligsten Spieler der Saison. Buvaysar Gadamauri und John Sperle machten in belgisch-deutscher Co-Produktion kurz vor 18 Uhr den Klassenerhalt perfekt. Die Bilanz Platz 6, drei Siege in achten Spielen, konnten sich für den Aufsteiger sehen lassen. Nachträglich freuten sich alle ganz besonders über den 5:4 Heimsieg gegen den SCC Berlin im Laufe der Saison. Der Hauptstadt-Club beendete die Saison schließlich als Tabellenführer. Es war ein Ausrufezeichen einer verrückten Zweitligapremiere. „Es war ein langer und holpriger Weg“ wie der Newsletter die Saison treffend beschreibt. Der Reihe nach.
MSC-Spieler Tomas Farjat. Foto: Ronny Edelstein
Ernüchterung
Mit großer Euphorie und Vorfreude trommelten die MSC-Verantwortlichen vor dem 1. Spiel des Aufsteigers die Werbetrommel. Gegen Rot-Weiss Berlin wollte der MSC ein „volles“ Haus und auch die Unterstützung der Kleinsten. Für die Mini Fans gibts beim Besuch an diesem Tag eine Portion Eis, natürlich kostenlos. „Endlich Bundesliga“, stimmte Ronny Edelstein im Newsletter alle auf die bevorstehenden Wochen ein.
Die süße Zugabe für die kleinen Fans hatte nicht gereicht. Neidlos mussten die knapp 600 Zuschauern die Überlegenheit der Berliner Gäste anerkennen. Bei der 2:7 Niederlage konnten dem Aufsteiger im Einzel und Doppel jeweils nur ein Punkt zugeschrieben werden. Beide Mal war John Sperle beteiligt. In seinem Einzel bewies der Youngster bei seiner Bundesliga Premiere auch gute Nerven. Nach verlorenem ersten Satz glich er mit 7:5 aus, bevor er im Champions Tiebreak nach einem 0:4 Rückstand den von den Zuschauern viel umjubelten 10:8 Sieg perfekt machte. Im Doppel gelang ihm mit Julius Seifert der Sieg in zwei Sätzen. Trotz der Niederlage gegen den Favoriten gingen die Fans zufrieden nach Hause. Sie freuten sich schon auf die nächsten Auftritte ihrer Aufsteiger.
Der erste Sieg
Die Zuschauer auf der Anlage im Forstbotanischen Garten wurden im nächsten Heimspiel gegen den SCC Berlin lange auf die Folter gespannt. Es war halb neun an diesem Freitagabend, eine Zeit, an dem normalerweise der ZDF-Krimi die Zuschauer am Fernseher zuhause fesseln soll. Die Begegnung hatte zumindest das Potential für eine mehrteilige Krimi Serie. 4:2 lagen die Spieler von Coach Dirk Hortian in Führung, bevor in den Doppelspielen drei Mal der Champions Tiebreak die Entscheidung brachte. Ein Punkt reichte dem Aufsteiger für den Gesamtsieg. Was häufig so leicht dahin gesagt bzw. auch formuliert wird, wurde an diesem Abend nach einer wahren Nervenschlacht realisiert. Zunächst blankes Entsetzen. In den beiden ersten Doppel machten die Berliner mit zwei 11:9 Siegen im Champions Tiebreak deutlich, dass die lange Reise aus der Bundeshauptstadt nicht umsonst gewesen sein sollte.
Der Ausgleich kurz vor Schluss? Kippt die Partie jetzt noch? Fragen, die so manchem MSC-Fan durch den Kopf gingen. MSC-Urgestein Christian Hansen und sein italienischer Partner schafften dann die Sensation. Nachdem sie mit dem normalen Tiebreak Sieg (7:5) im 2. Satz ausgleichen konnten, mussten die Fans im 3. Satz bis zum Stand von 14:13 ausharren, bevor der erlösende Matchball zum Sieg gelang. Der erste Sieg in der Bundesliga war viel umjubelt unter Dach und Fach.
MSC-Spieler Lorenzo Bocci. Foto: Ronny Edelstein
Rückschlag
Berlin war an diesem Tag keine Reise wert. 3:6 musste sich der Aufsteiger bei BW Berlin geschlagen geben. Zwei Siege im Einzel von Yannic Nittman und Philipp Bosse waren die Ausbeute vor den Doppelspielen. In den ersten Begegnungen musste John Sperle an Position 1 auch in die Tiebreak Verlängerung bevor er beim Stand von 3:10 seinem Gegenüber Diego Dedura zum Sieg gratulierte. In zwei Sätzen hatten Lorenzo Bocci und Christian Hansen das Nachsehen. Im Doppel schafften die MSC Youngster Sperle/Seifert mit ihrem Dreisatzsieg den 3. Punkt. Denkbar knapp endete das 3. Doppel mit besserem Ausgang für die Gastgeber. Mit 4:10 fiel die Entscheidung einmal mehr im Champions Tiebreak.
Aufschwung
Der zweite Sieg in Folge sollte für die Endphase das nötige Selbstvertrauen geben. Gegen die Berliner Gäste vom TC GW Nikolassee stand es nach der Einzelrunde bereits 4:2. Ein Pünktchen war für den Gesamtsieg also noch erforderlich. Zur Freude der 400 Zuschauer wurden es dann sogar drei. Im Einzel hatten Buvaysar Gadamauri, John Sperle, Christian Hansen und Yanic Nittmann den beruhigenden Vorsprung heraus gespielt. Die drei Siege im Doppel ließen dann keinen Zweifel an der Überlegenheit des Aufsteigers aufkommen.
Fiasko in der Halle
Die Freude nach dem letzten Sieg währte mal gerade eine Woche. Gegen den Tabellenvorletzten gab es in Oldenburg eine deutliche 1:8 Niederlage. „Ein pechrabenschwarzer Tag“ nannte Ronny Edelstein im Vereinsnewsletter die Pleite. Und er nannte auch Gründe, die für die Gäste aus Köln schwer einzuordnen waren. Wegen des Regens wurden alle Begegnungen sofort in der Halle angesetzt. Kein Warten oder abwägen wie ansonsten üblich. Die Gastgeber kannten kein Erbarmen. Rony Edelstein: „Das war sicher ungewöhnlich“. Gespielt wurde unter dem Dach auf einem Greenset Bodenbelang, auf dem die Aufsteiger sichtlich Anpassungsschwierigkeiten hatten.„Unser Argentinier Thomas Fajat hat noch nie in der Halle gespielt und dann noch auf diesem Belag, auf dem die Bälle kaum hochspringen,“ echauffierte sich der MSC Medienmann. Für den einzigen Sieg sorgte im Einzel wie zuletzt der Belgier Gadamauri. John Sperle bot in seinem Match harten Widerstand, bevor er im Champions Tiebreak mit 6:10 das Nachsehen hatte. Ebenfalls im Champions Tiebreak verlor Julius Seifert sein Einzel. Coach Dirk Hortian: „Nach dem „Hallen-Fiasko konnte es nur heißen: Niederlage abhaken und sich auf die nächste Begegnung gegen Suchsdorf konzentrieren“.
MSC-Spieler Yannic Nittmann. Foto: Ronny Edelstein
Nachwirkungen
Die Erfahrungen aus Oldenburg wirkten noch zwei Tage nach. Denn nach der 4:5 Niederlage gegen Suchsdorf wurde es ganz eng mit dem Klassenerhalt. Trotz prominenter Unterstützung von Mischa Zverev, der sich wegen einer PR-Veranstaltung auf der Platzanlage aufhielt, gab es gegen die Gäste aus Kiel die nächste Niederlage. Zweimal war in den Einzelspielen der Champions Tiebreak nicht auf der Seite der Gastgeber. Da half auch nicht die lautstarke Unterstützung der 550 Zuschauer, bevor Corentin Denolly aus Frankreich und John Sperle nach dem langen Tiebreak ihren Gegnern zum Sieg gratulierten. Glücklicher war Philipp Bosse nach seinem Champions Tiebreak Sieg, den er mit 12:10 für sich entschied. Beim Stand von 2:4 nach den Einzeln war klar: Alle drei Doppel mussten gewonnen werden, ansonsten würden die Sorgen um den Klassenerhalt noch größer. Die Daumen wurden gedrückt, aber beim 3. Doppel, Gadamauri/Korsten, kam die Hilfe nicht an. Mit 6:3 7:5 bejubelten die Gäste den Matchball für den 5. Punkt zum Gesamtsieg.
Dirk Hortian und seinen Schützlingen war vor den beiden letzten Auswärtsspielen in Krefeld und Hamburg klar. „Wir müssen jetzt die letzten Kräfte mobilisieren, sonst droht die Rückkehr in die Regionalliga."
Ausblick
„Et hätt noch emmer joot jejange“ heißt es im Kölner Grundgesetz. Deshalb hat sich der Sprung ins kalte Wasser gelohnt. Nach der Niederlage in Krefeld unterstrich der letzte Sieg - zwei Tage später - bei Alster Hamburg (5:4) das Stehvermögen, aber auch das Selbstbewusstsein des Aufsteigers. Bei aller Euphorie über die Zukunft in der zweiten Lifa sind sich alle darüber einig, dass vor der neuen Saison alle Erfahrungen ihres Zweitliga-Abenteuers in die Planungen mit dem Vorstand einbezogen werden müssen. „Wir wollen auf jeden Fall an unserer Idee festhalten, möglichst viele junge deutsche Spieler einzusetzen,“ erläutert Dirk Hortian einen wichtigen Aspekt. Der Coach: „Jetzt haben wir zunächst aber alle unseren Urlaub verdient“.
Text: Michael Thoma